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Kalevi Aho

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Der Komponist, der Fortschritt und die Werte

- von Kalevi Aho

Die Letzten der Dinosaurier am Ende der Zeiten

Im Oktober 2001 veranstaltete die Gesellschaft Finnischer Komponisten ein Symposion zum Thema ”Der Komponist und die Werte.” In seinem Eröffnungsreferat stellte der Komponist Mikko Heiniö eine provokante Frage: ”Was, wenn wir die letzten der Dinosaurier wären, übergewichtige Vegetarier, die in einem uns günstigen Klima prächtig gedeihen und den Kometen nicht bemerken.” (1)

In Mitteleuropa sind ästhetische und ethische Fragen zeitgenössischen Komponierens ähnlich überspitzt formuliert und diskutiert worden. Der deutsche Komponist und Musikwissenschafter Rainer Riehn hat das Komponieren an sich in Frage gestellt:

Hat es überhaupt Sinn, heute zu komponieren? […] Sind nicht alle Modelle — seien sie politischer oder autonomer Art — gescheitert, und wenn ich sage gescheitert, so meine ich: sie finden keine Resonanz mehr. Die Avantgarde wird offenbar total integriert, konsumierbar, geschluckt, sie erregt nicht einmal mehr den geringsten Anstoß. Leute, die heute ins Konzert gehen, applaudieren fast allem unterschiedslos. Oder die politische Musik ist eben, wie wir wissen, auch gescheitert, hat nicht das Mindeste bewirkt. Wo ist also überhaupt noch eine Möglichkeit, wo ein Ansporn für einen Komponisten? (2)

Kritik an der Misere der Komponisten und an der Haltung des zeitgenössischen Publikums ist in Komponistenkreisen vermehrt laut geworden. Der englische Komponist John Tavener etwa meint: „Wir leben in einer in Trümmer liegenden Kultur, am Ende eines Zeitalters.“ (3) Für ihn steht fest, dass mit der Säkularisierung der Musik die westliche Musik schon vor langer Zeit zum Entgleisen kam. Er schreibt:

Messiaen sagte, dass Musik vor Hunderten von Jahren eine falsche Richtung einschlug. Ich kann nur vermuten [schreibt Tavener], dass er damit meinte, dass die Kunst mit der Entdeckung des Ich in der Renaissance verweltlicht wurde. Ich glaube [schreibt Tavener weiter], dass die Kunst zur Zeit Beethovens eine große Höhe erreichte, aber Sakrales findet sich beim späten Beethoven nicht (4)

Der russische Komponist Wladimir Martinow (*1946) geht noch einen Schritt weiter als Tavener und verabschiedet sich überhaupt vom Konzept der „Komposition“, das ein wesentlicher Bestandteil zeitgenössischer westlicher Musik ist. Martinow sieht sich nicht mehr als „komponierendes Individuum, als Subjekt oder als Ich im herkömmlichen Sinn.“ (5) In seinem Buch The End of the Time of Composers beschreibt er Komponieren als ein vom Zen beeinflusstes Konzept, einen Akt, bei dem es müßig erscheint, auch nur Betrachtungen darüber anzustellen, ob ein Subjekt, oder ein Selbst, ein Ich, überhaupt existiert.

Schon in den 50er Jahren kam John Cage in seiner Philosophie der Musik zu einer sogar noch radikaleren Schlussfolgerung, die gleichfalls stark vom Zen-Buddhismus beeinflusst war. Cage erreichte den „absoluten Nullpunkt“ und ersetzte die musikalische Struktur durch Zufallsoperationen und den Inhalt bzw. die Bedeutung durch vollständige Abwesenheit dessen, was traditioneller Weise als musikalische „Bedeutung“ bezeichnet wurde. In seiner Music of Changes (1951) etwa wirft der Komponist Cage Würfel, um sein musikalisches Material zu wählen – ein Verfahren, das in der sich dem „Zufall“ verdankenden Anordnung musikalischer Gesten in der fertigen Partitur mündet. In Stücken wie Imaginary Landscape No. 4 for 12 Radios (1951) and 4'33" (1952) wird überhaupt der Begriff der „Komposition“ in den Hintergrund gedrängt. Die Notation hat nicht mehr die Funktion anzugeben, wie die „Komposition“ aufgeführt werden soll und hat auch keine sich unterscheidende klangliche Identität mehr.

Musikalisches Material und sozialer Fortschritt

Wie sind wir auf diesen „absoluten Nullpunkt“ der klassischen Musik gekommen? Und kann man etwas unternehmen, um dem „Komponieren“ wieder den traditionellen kommunikativen Rahmen zu geben? Wie kann man erklären, was Riehn den “kaputten Stand“ des Komponierens“ nennt? Die gegenwärtigen Probleme der westlichen Musik nahmen für den darin stark von Messiaen beeinflussten John Tavener mit der Entwicklung der Harmonie und des Kontrapunktes ihren Anfang. Damit, so ist er überzeugt, drängten sich das musikalische Material und seine Manipulation durch den Komponisten in den Vordergrund. (6) Messiaen kam zur Ansicht, dass die Situation nicht eben ideal sei, jedoch der Komponist, mit Harmonie und Kontrapunkt am Hals, keine andere Wahl hätte, als mit dem Komponieren „nun einfach weiter zu machen.“ Tavener jedoch sieht die Möglichkeit einer Rückkehr zu den Wurzeln des klassischen Kompositionsbegriffes. Es würde, schreibt Tavener,

... großen Mutes und vielleicht auch großer Demut bedürfen, um loszulassen und zu sagen: `Keinen Kontrapunkt, keine Harmonielehre; ist es möglich, zu diesen einfachen modalen Tonarten zurück zu kehren?´ Ich glaube, dass alle diese modalen Tonarten - die byzantinischen, jüdischen, moslemischen oder hinduistischen -, auf den Ursprung der Zivilisation zurückgehen. Wer weiß, vielleicht muss man diesen Weg beschreiten, um wahrhaft theophane Musik zu schreiben - Musik, die von Gott kommt (7)
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(1) Heiniö, Mikko, 'Olemmeko viimeisiä dinosauruksia?' ['Sind wir die letzten Dinosaurier?'], Kompositio, 4 (2001), S. 3-5.

(2) Metzger, Heinz-Klaus und Rainer Riehn, 'Hat es noch Sinn? Aus einem Gespräch zwischen Mathias Spahlinger, Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn’, in Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, Hg., Was heißt Fortschritt? Musik-Konzepte, 100 (München: Edition Text und Kritik, 1998), 78-82, S. 81-82.

(3) Andrew Ford, Composer to Composer: Conversations about Contemporary Music (London: Quartet Books, 1993), S. 90.

(4) Ford, Composer to Composer, S. 90.

(5) Hannu-Ilari Lampila, '"Tärkeitä vain sisäiset muutokset": Vladimir Martinovin Apokalypsis yhdistää kirkkomusiikkiperinteitä' ["Nur innere Veränderungen sind wichtig”. Vladimir Martinovs Apokalypsis kombiniert Kirchenmusiktraditionen’], Helsingin Sanomat, 23. März 2002.

(6) Ford, Composer to Composer, S. 91.

(7) Ford, Composer to Composer, S. 92.

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