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Der Komponist,
der Fortschritt
und die Werte
- von Kalevi Aho

In der Regel stößt diese Art des Denkens in Kreisen zeitgenössischer Musikschaffender auf heftige Ablehnung, weil das musikalische Material – seine Komplexität, Struktur und Zeitlosigkeit – von vielen immer noch als das Wichtigste einer Komposition angesehen wird. Viele finnische Komponisten sind dieser Ansicht. Lauri Kilpiö (*1974) bekannte beim zuvor genannten Symposion, dass seine kompositorischen Werte nur durch das Aufspüren neuer Ausdrucksformen und durch das Ver- und Bearbeiten für ihn neuen musikalischen Materials entstehen. Für ihn gibt es beim Komponieren keine anderen Werte. Kilpiö schreibt:

Neues ist also für mich ein Wert an sich. Andererseits möchte mich ich sehr wohl der Tradition so weit wie möglich bewusst sein. Auf stilistischer Ebene strebe ich Detail-, Klang- und Ausdrucksreichtum sowie Komplexität an. (8)

Werte des Komponierens, die ohne Bindung an Stil und Technik bleiben, gelten in der zeitgenössischen Musik offenbar immer noch als eine schamlose Ungeheuerlichkeit oder sind mit einem Tabu belegt. Unter Werten verstehe ich hier: inhaltlichen, gesellschaftlichen und emotionalen Anspruch, Musik für bestimmte Gelegenheiten, Musik mit Anspruch auf Verständlichkeit, Musik mit Unterhaltungswert oder für sakrale Zwecke. Fast hat es den Anschein, als würden sich viele Komponisten davor fürchten, in den Augen ihrer Kollegen lächerlich zu wirken, wenn sie zum Beispiel plötzlich davon zu sprechen anfingen, Musik habe „etwas mitzuteilen“, habe eine „Botschaft.“

Die Bedeutung, die man gemeinhin „dem Material“ zumisst, ist vom unausweichlichen Einfluss herrschender Institutionen auf die Gattungen und Stile, die sie hervorbringen, nicht zu trennen. Zeitgenössische Musik ist, wie der finnische Komponist Harri Wessman (*1949) einmal gesagt hat, hermetisch geworden. Komponisten, die für den Konzertsaal komponieren, sind bereit, ihre Arbeiten im Wesentlichen dem Rahmen einzupassen, der von den Musikinstitutionen vorgegeben wird. Das Ergebnis: Das Reich des Gegenwartskomponisten beschränkt sich auf Instrumentalmusik für vergleichsweise kleine Ensembles, auf elektroakustische und Computermusik. Nur in den seltenen Fällen, in welchen es einem Komponisten gelingt, ein Sinfonieorchester zu überreden, eines seiner Werk aufzuführen, kann diese Herrschaft auf das Gebiet der Orchestermusik ausgedehnt werden. Wessman hat eine Reihe von Strategien entwickelt, den, wie er sagt, „elfenbeinernen Turm abzutragen,“ indem er etwa eine Vielzahl von Musikstücken zu pädagogischen Zwecken, Gebrauchsmusik oder Gelegenheitsmusik schreibt. (9) Die Komponisten der Gegenwart, sagt er, sollten ihr Arbeitsgebiet beträchtlich ausweiten, sonst würden wir Gefahr laufen, dass die Musik zu einem noch unbedeutenderen Randphänomen verkomme, als sie es jetzt schon ist.

Zu einer Marginalisierung des zeitgenössischen Komponierens kommt es auch, wenn Komponisten die Vorstellung von einer „musikalischen Botschaft“ im „Kult des musikalischen Materials“ zu sublimieren trachten. Diese Komponisten koppeln die gesellschaftliche Verantwortung des Komponisten an Stil, Material und Technik. So behaupten sie, das gesellschaftliche Bewusstsein des Komponisten stünde im direkten Verhältnis zum „fortgeschrittenen“ - „avancierten“ - Material und zu den Kompositionstechniken, über die er – oder sie – verfügt. Anders ausgedrückt: Wenn Musik jeweils „aktuelles“ Material oder „aktuelle“ Kompositionstechniken verwende, dann sei sie automatisch „sozialbewusst“, und keine weitere gesellschaftliche Dimension sei dann mehr nötig. Der Komponist Paavo Heininen (*1938) drückt diese Auffassung so aus:

Stil ist kein Wertmaßstab für eine Komposition – aber es würde einem wahrhaft jämmerlichen Bankrott kritischen Bewusstseins gleichkommen, wollte man behaupten, dass schlichtweg alles, was im heurigen Jahr so komponiert wird, zeitgenössische Musik sei. [...] Andererseits ist klar, dass die Entscheidung für einen bestimmten Stil von überragender Bedeutung ist, eine Äußerung, die entweder die conditio humana in unserer Zeit anspricht – und also einen Beitrag zum Leben leistet – oder die Antwort eines ´Ja-Sagers´ sein kann - oder sie kann das Problem überhaupt umgehen. (10)

Luigi Nono, der in seiner Musik gesellschaftlichen Themen großes Gewicht gab, hat ebenso den Gebrauch avancierten Materials und avancierter Techniken verteidigt. Seine Feststellung, „dass die Musik wie die von Schostakowitsch keine Zukunft hat und damit keine Funktion, weil sie technisch so armselig ist und am Potential der heutigen Möglichkeiten vorbeigeht,“ beruht auf dem Glauben, dass Komponisten die Pflicht hätten, das jeweils vorhandene Potential des musikalischen Materials voll auszuschöpfen und zu maximieren. (11) Nono verunglimpft die Musik von Schostakowitsch als „sozialistischer Realismus im üblen Sinn — alte Formen, die man mit neuem Inhalt zu füllen versucht, falsch verstandene Volkstümlichkeit.“ (12)

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(8) Lauri Kilpiö, 'Kommenttipuheenvuoro I' ['Kommentar I'], Kompositio, 4 (2001), S. 10.

(9) Harri Wessman, 'Norsunluutornin purkustrategioita' ['Die Entwicklung von Strategien, den Elfenbeinturm abzutragen'], Kompositio, 4 (2001), S. 9.

(10) Paavo Heininen, 'Einar Englund', Musiikki, 4 (1976), S. 62.

(11) Hansjörg Pauli, Für wen komponieren Sie eigentlich? (Frankfurt am Main: S. Fischer, 1972), S. 116.

(12) Pauli, Für wen komponieren Sie eigentlich?, S. 116.

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