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ARTIKEL Der Komponist, |
Die Konservative Avantgarde und die Zeitkoordinaten des KomponierensDer Vorwurf des verknöcherten Konservativismus wurde auch gegen Brian Ferneyhough erhoben, der einige der am strengst gebauten und komplexesten Partituren der zeitgenössischen westlichen Musik geschaffen hat. Schon 1985 schrieb Peter Franklin, dass die Musik von Brian Ferneyhough alle Symptome „einer Synthese eines ultimativen non plus ultra des orthodoxesten Avantgarde-Konservatismus“ (17) zeige. Die extreme Komplexität der musikalischen Nachkriegs-Moderne hat bei Komponisten Reaktionen ausgelöst, am auffallendsten wohl die Wende zur Unbestimmtheit und zum musikalischen Minimalismus. Wie der Amerikaner John Adams sagt: Die Zeit war einfach reif in der Musik für die Art von Revolution, welche der Minimalismus auslöste. Das musste einfach passieren. Wenn Sie eine Partitur von Ferneyhough oder Boulez anschauen, dann bemerken Sie rasch, dass man diese Art von Komplexität nicht weiter treiben kann. Dagegen musste es einfach heftigen Widerstand geben. (18) Und trotzdem: So mancher modernistische Komponist besteht darauf, dass, so wie wir die Uhr nicht zurückstellen können, es für die Musik der Gegenwart kein Zurück zu so etwas wie einer neuen Einfachheit oder zur Wiederverwertung alter Werkzeuge geben könne. Pierre Boulez tut dies als kompositorische Nostalgie verächtlich ab: Für mich sind diese Leute müde; sie haben Angst vor Komplikationen, vor Komplexität, sie sagen, wir können nicht mit dem Publikum kommunizieren, weil die Musik zu komplex ist. Na gut, was machen sie also? Sie gehen zurück. Für mich ist das unmöglich, weil auch Geschichte niemals zurück geht. Und wenn ich da Leute sehe, die einen Pseudo-Mahler schreiben [...], na ja, also für mich gibt´s genug Mahler, da brauche ich keinen Pseudo-Mahler. Die Postmoderne vergleiche ich immer mit dem Neo-Klassizismus der Zwischenkriegszeit. Was ist denn davon übrig geblieben? Absolut nichts. (19) Die Berechtigung, die Boulez für seine Ästhetik bemüht, hängt an zwei schwachen Prämissen: seiner Ablehnung der Postmoderne und des Neoklassizismus bzw. an seinem unerschütterlichen Glauben, das an sich Zeitgenössische offenbare sich in seiner eigenen musikalischen Sprache. Boulez meint, der Komponist schließe sich nicht einer einzelnen Stilrichtung an, sondern äußere sich „gemäß den Koordinaten seiner Zeit.“ Er hat das einmal so formuliert: Für mich hat die Moderne keine Zukunft, für mich hat die Postmoderne keine Zukunft. Man ist nicht „modern“ – man äußert sich bloß gemäß den Koordinaten seiner Zeit; und das bedeutet nicht modern sein, das heißt das sein, was man ist. Für mich sind alle Arten von Bezügen wertlos. Wenn ich ich selbst sein möchte, dann brauche ich keine Bezüge, ich möchte ich selbst sein. Punkt. Ich sehe keinen Gewinn darin, in ein verlorenes Paradies zurückzukehren. Für mich gibt es keinen Verlust – absolut keinen. (20) Wie Einojuhani Rautavaara (*1928) formuliert, mindern Äußerungen wie diese den Wert und die Bedeutung zeitgenössischer Musik eher, als dass sie diesen erhöhen. Rautavaara schreibt: Ich glaube nicht so recht an die „Forderungen der Zeit“, von denen manche sagen, wir müssten sie erfüllen. Die Zeit fordert überhaupt nichts, sie lässt uns so sein, wie wir wollen – einmal vorausgesetzt, man hat sich gefunden. Menschen ja, Menschen stellen Forderungen, und diese Forderungen, die sind tatsächlich zeitbedingt. Wenn man sich entscheidet, „mit der Zeit zu gehen“, dann ist man, per definitionem, verurteilt, hinter der Zeit zurück zu bleiben, von heute an bis zum Jüngsten Tag. [...] So schnell kann man gar nicht schauen, schon sind aus den radikalsten Modernisten die rabiatesten Konservativen geworden. [...] Es nützt nichts, immer hochnäsig zu bleiben und zu sagen: Wenn meine Kunst nicht mit der Zeit in Einklang steht, dann ist das die Schuld der Zeit. Da würde ich es schon lieber haben, wenn meine Musik zeitlos wäre, als dass sie im Gleichklang wäre mit der Zeit. (21) (17) Peter Franklin, The Idea of Music: Schoenberg and Others, (Basingstoke: Macmillan, 1985), S. 113. (18) Edward Strickland, American Composers: Dialogues on Contemporary Music (Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press, 1991), S. 180. (19) Ford, Composer to Composer, S. 23. (20) Ford, Composer to Composer, S. 24. (21) Einojuhani Rautavaara, Mieltymyksestä äärettömään ['Über den Gefallen an der Endlosigkeit'] (Juva: WSOY, 1998), S. 19-21 |
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