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ARTIKEL


Der Komponist,
der Fortschritt
und die Werte
- von Kalevi Aho

Die Spanne der Tradition

Der zeitgenössischen Musik ist die Geschichte – historia – abhanden gekommen. Wie ich schon bei Gelegenheit der Überlegungen John Taveners erläutert habe, hat die europäische Kunstmusik die Homogenität, die doch zu ihrem Wesen gehörte, eingebüßt. Ihr Fundament war eine musikalische Sprache, die aus dem sich im Zuge der Christianisierung über Westeuropa ausbreitenden Greogorianischen Choral abgeleitet wurde. (Der Gegenpol zum Gregorianischen war der Orthodoxe Kirchengesang.) Die Erfindung der Notenschrift in Westeuropa im 11. Jahrhundert leitete eine Entwicklung ein, welche die Aufzeichnung und Weitergabe musikalischer Traditionen ermöglichte, die nun nicht mehr ausschließlich mündlich waren. Die Notenschrift begünstigte auch eine Entwicklung auf vielen Gebieten , wie zum Beispiel jene, die zur Zeit der Blüte der Polyphonie in der Niederländischen Schule entstand. Bei der Entwicklung der Instrumentalmusik nahm Italien eine führende Rolle ein und auch in Frankreich erreichte sie einen hohen Stand. Nach der Reformation begann protestantische Musik von der katholischen Sakralmusik abzuweichen und kulminierte schließlich in der Musik eines J.S. Bach. Trotz dieser stilistischen Abweichungen blieb jedoch der Austausch zwischen den Ländern lebendig. Folglich blieben nationale Unterschiede in der Musik gering.

Im 18. und 19. Jahrhundert gewann dann die Musikkultur der deutschsprachigen Gebiete die Oberhand. Diese Entwicklung hat bis auf den heutigen Tag vor allem auf die Instrumentalmusik einen starken Einfluss ausgeübt. Komponisten aus der deutsch-österreichischen Tradition entwickelten das Symphonieorchester, dessen Instrumentarium in ganz Europa Standard wurde. (28) Diese Tradition ist besonders in den nordeuropäischen Ländern lebendig geblieben. So hat etwa die Kunstmusik Finnlands und Schwedens ihre Wurzeln in der Kunstmusik Deutschlands. Dem nach Helsinki ausgewanderten deutschstämmigen Fredrik Pacius (1809-1891) wurde der Ehrentitel „Vater der Finnischen Musik“ verliehen. Ja selbst viele nationale Stile europäischer Kunstmusik lassen sich auf die deutsch-österreichische Musiktradition zurückführen. Ein gutes Beispiel ist der „finnische“ Stil von Jean Sibelius (1865-1957), dessen früheste Kompositionen mit der von Pacius vertretenen Tradition verbunden sind. Sibelius führte seine Studien in Berlin und Wien weiter, zu einer Zeit, als er die umgangssprachlich als Kalevala-Musik bezeichnete, älteste erhaltene Schicht finnischer Volksmusik für sich entdeckte (Kalevala ist das finnische Nationalepos). In seiner Kullervo-Sinfonie (1890-1891) setzte Sibelius melodische Charakteristika der Kalevala-Musik ein. In seiner Entwicklung zu einer eigenständigen musikalischen Sprache wurde er auch von russischer Musik beeinflusst, besonders jener Tschaikowskys, dessen „russischer“ Stil seinerseits in der deutsch-österreichischen Tradition wurzelt. Aber es war gerade zu dieser Zeit, in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, dass sich Sibelius bewusst von der mitteleuropäischen Spätromantik abzusetzen trachtete, um eine neue - finnische - Tradition zu begründen.

Der Personalstil von Sibelius beruhte also auf der mit Elementen finnischer Volks- und russischer Konzertmusik angereicherten deutsch-österreichischen Tradition und der höchst individuellen Persönlichkeit des Komponisten, was zu einer ausdrucksstarken, innovativen und einflussreichen Kompositionsauffassung führte. Es war diese Mischung, die man später außerhalb Finnlands als „typisch finnisch“ empfinden sollte.

Aber, so könnte man fragen, ist die Musik von Sibelius tatsächlich so sehr finnisch? Oder ist sie nicht vielmehr der durch und durch unverwechselbare und unnachahmliche Stil eines großen Komponisten? Auch Leevi Madetoja (1887-1947), um ein anderes Beispiel aus der finnischen Musik heranzuziehen, wurde in den deutsch-österreichischen Disziplinen des Kontrapunktes und der Harmonielehre ausgebildet, auch er nahm gewisse Einflüsse aus der russischen Musik auf. Anders als Sibelius integrierte Madetoja Elemente jüngerer finnischer Volksmusik (aus der westfinnischen Provinz Ostbottnien) und Elemente zeitgenössischer französischer Musik. Wenn man all dem Madetojas eigene, zur Melancholie neigende, Persönlichkeit hinzufügt, dann ist das Ergebnis ein Personalstil, der schwere Expressivität mit leichter Textur verbindet – auch dies ein Stil, den man oft als „typisch finnisch“ bezeichnet hat.

Modernismus - und da besonders seine Betonung des Fortschrittes und seine Fetischisierung des musikalischen Materials - markiert eine radikale Abkehr von der Tradition stilistischer, auf gemeinsamen Wurzeln fußender, Kontinuität. Natürlich ist es möglich, eine direkte Verbindung von der „ewigen Melodie“ Wagners über die „Emanzipation der Dissonanz“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis Schönbergs „12-Tonkomposition“ und Anton Weberns Reihentechnik herzustellen. So erhalten wir das Konstrukt einer „stetigen“ stilistischen Evolution, beginnend mit der österreichisch-deutschen Tradition von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Modernismus post-Webernscher - post-serieller - Komponisten wie etwa Boulez. Jedoch: Vertrauen in die Gültigkeit einer solcher Chronologie hängt an einem willentlichen Glaubensakt – am Glauben an den inhärenten musikalischen Wert und an die historische Authentizität von Schönbergs Dodekaphonie. Wie schon erläutert, haben meiner Meinung nach die Ausweitungen und Konsequenzen dieser Kompositionstechnik schlussendlich die subtilen und kostbaren Nuancen musikalischer Bedeutung zerstört, die sich über Jahrhunderte ausgeprägt und angesammelt hatten. Die Konstruktion dieser Linie stilistischer Entwicklung führt also bloß zu einer vorgetäuschten Tradition.

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(28) Dieser Fortschritt jedoch verursachte anderswo Rückschritt und Verlust: Die Palette der Instrumente verringerte sich, ganze Instrumentengruppen wie zu Beispiel die Violen und gewisse Blasinstrumente galten plötzlich als obsolet. Einen ähnlichen Verlust an Vielfalt gab es in der Musik für Tasteninstrumente, als das moderne Klavier Fortepiano, Cembalo und Spinnett verdrängte und ersetzte.

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