|
| |
|
|
ARTIKEL Die finnische Oper |
Einsetzende OpernbegeisterungFoto: Savonlinna Opernfestspielen/Imagebank Aulis Sallinens Oper "Der Reitersmann" bei den Savonlinna Opernfestspielen 1975. Das bedeutendste Einzelereignis der 60er Jahre war 1967 die Wiederbelebung der Oper Juha, die Aarre Merikanto schon in den 20er Jahren komponiert hatte. Die sorgfältig vorbereitete Aufführung bereitete den Boden für die Opernbegeisterung, die in den 70er Jahren zu voller Blüte gelangen sollte. In den 70er Jahren begann der Aufstieg Finnlands zu einem der weltweit führenden Opernländer, in dem das klassische und das moderne Repertoire gleichwertig nebeneinander existieren. Das finnische Opernfieber stieg mit der Aufnahme von Mozarts Zauberflöte 1973, Mussorgskis Boris Godunow 1974 sowie neuer finnischer Opern in das Programm der Savonlinna Opernfestspiele. Der Erfolg war zu einem großen Teil dem international anerkannten Basssänger Martti Talvela zuzuschreiben, der sowohl künstlerischer Leiter der Festspiele war als auch als Sänger auf der Bühne stand. Foto: Kari Hakli Joonas Kokkonens Oper "Die letzten Versuchungen" in der Finnischen Nationaloper 1975. Im Bild Ritva Auvinen und Martti Talvela. Angeregt von den Aufführungen der Savonlinna Opernfestspiele, begannen die Musikfestspiele Ilmajoki volkstümliche Opern auf die Bühne zu bringen. Charakteristisch für diese Opern waren Darstellungen des Volkslebens, eine leicht verständliche Musik und die Aufführung im Sommer auf großen Naturbühnen. Die Darbietungen setzten die Tradition des Sommertheaters fort und wurden so populär, dass später viele Gemeinden begannen, Opern mit lokalem und historischem Bezug aufzuführen. Wohl nirgendwo anders in der Welt haben sich in den letzten zwanzig Jahren neue Opern derart vital mit der Mainstream-Musikkultur vermischt wie in Finnland. Die Stellung der Oper in Finnland wurde Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre durch zahlreiche erfolgreiche Gastspiele im Ausland gestärkt. Teil des Programms waren gewöhnlich Joonas Kokkonens Die letzten Versuchungen und Aulis Sallinens Der rote Strich. Höhepunkt war ein Gastspiel der Nationaloper in der New Yorker Metropolitan Opera im Frühjahr 1983. Die von den Savonlinna Opernfestspielen bei Aulis Sallinen (geb. 1935) in Auftrag gegebene Oper Der Reitsersmann (Ratsumies, 1974) leitete einen dreiteiligen Opernzyklus ein, in dem jedes Werk auf seine Art eine Periode in der finnischen Geschichte reflektiert. In dem Werk wird zugleich die Erweiterung des gesellschaftlichen Blickwinkels des Komponisten deutlich. Während Der Reitersmann eine balladenhafte Liebesgeschichte ist, geht es bei der auf einem Proletarierroman basierendem Oper Der rote Strich (Punainen viiva, 1978) bereits um soziale Fragen nationaler Tragweite. Der König begibt sich nach Frankreich (Kuningas lähtee Ranskaan, 1983) schließlich befasst sich mit Fragen weltweiter Bedeutung. Kullervo (1988), eine Auftragsarbeit anlässlich der Einweihung des neuen Helsinkier Opernhauses, ist Sallinens vierte Oper. Für das Drama über eine einzelne Person nahm Sallinen das Kalevala und Aleksis Kivis Theaterstück Kullervo als Vorlage. Der Palast (Palatsi, 1993) ist ein satirisches Werk über die Macht. Schauplatz der Oper ist der äthiopische Kaiserhof, aber das Libretto ist zugleich eine Parodie auf Mozarts Oper Die Entführung aus dem Serail. Auch in seiner neusten Oper, König Lear (Kuningas Lear, 1999), behandelt Sallinen auf dem Fundament der Shakespeare-Tragödie das Thema Macht – den Griff nach der Alleinherrschaft und ihren Verlust. Alle Opern von Aulis Sallinen sind auch von ausländischen Opernhäusern inszeniert worden. Die bedeutendsten Produktionen wurden in den USA, in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Schweden und Estland auf die Bühne gebracht. Neben Aulis Sallinen erzielte in den 70er Jahren Joonas Kokkonen (1921-1996) mit seiner einzigen Oper einen Durchbruch beim breiten Publikum. Die letzten Versuchungen (Viimeiset kiusaukset, 1975) ist mit Leevi Madetojas Ostbottnier eine der erfolgreichsten Opern Finnlands. Seit ihrer Premiere ist sie bereits nahezu 300 Mal aufgeführt worden. Die Finnische Nationaloper hat das Werk bei ausländischen Gastspielen außer in der New Yorker Metropolitan Opera auch in sechs anderen Städten gegeben, und von 1977 bis 1982 stand es auf dem Programm der Savonlinna Opernfestspiele. Es ist nicht einfach, eine Erklärung für den Erfolg dieser Oper zu finden. Ihr Stoff ist untypisch für Opern. Das Werk erzählt vom Wirken und Leben des Paavo Ruotsalainen, eines Führers der Erweckungsbewegung in der finnischen Provinz, und seinem inneren Kampf bei der Suche nach Christus. Die Oper ist nur in der ersten und letzten Szene realistisch. Diese Szenen bestehen aus Sprechvorträgen von Theaterschauspielern. Die Hauptteile der Handlung spielen sich auf anderen Ebenen ab: Im Mittelpunkt stehen Halluzinationen und verzerrte Erinnerungen, die Paavo im Fieberwahn, während einer Winternacht auf seinem Sterbebett, erlebt.
Haupt |
|||
| STARTSEITE | Impressum | Kontakt | © 2004 Anna Kauppi | ||