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NEUERE LITERATUR Zwischen Inspiration |
Trotz all der Trübseligkeit bildet die Mitte der 1920er-Jahre in den Augen vieler Kenner den Höhepunkt sibelianischer Originalität. Es entstanden die 6. und 7. Symphonie, die Sturm-Musik op. 109 zu Shakespeare sowie Tapiola. Wahrscheinlich schrieb er auch substanzielle Passagen der verschollenen 8. Symphonie. Obwohl die Wurzeln dieser kreativen Krise im Jahr 1914 liegen, (69) wollte Sibelius nach wie vor mit offenen Ohren ins Ausland; 1927 reiste er nach Paris, da man dort „immer wieder etwas Neues lernen kann“. (70) Seine Neugier war unstillbar. Er hörte gleichermaßen vielseitige Programme wie in Berlin 1914, aber auch ältere Musik wie Mozart, die zumindest für die mitreisende Aino Sibelius zu den „wichtigsten künstlerischen Erlebnissen der Reise“ gehörte. Gemischte Besetzungen und exotische Experimente sowie manches andere Neue waren Frau Sibelius suspekt. (71) Sibelius’ eigene Meinung kennen wir in diesem spezifischen Fall leider nicht. Dass Sibelius mit der Musik von Strawinsky Schwierigkeiten hatte – und offensichtlich vice versa (72) – wissen wir. Möglicherweise war Sibelius im Stillen ein Vertreter des „Jungen Klassizismus“ von Busoni, aber er war gewiss kein Vertreter des antiquierenden Neoklassizismus der 1920er-Jahre. Mit diesem teilte er nur die Liebe zur „klassizistischen Ordnung“ und konnte sich (wie häufiger auch die bekennenden Neoklassiker) auch mit der politischen Rechten anfreunden. Doch die Sehnsucht, die Sibelius auch noch während der Arbeit an der verschollenen 8. Symphonie immer wieder nach Berlin trieb, erklärt sich keineswegs durch politische Orientierung. Neben Schwedisch und Finnisch sprach er fließend nur Deutsch – kaum Russisch (73), Englisch oder Französisch. So bildete Deutschland für Sibelius trotz seiner englischen und amerikanischen Erfolge den wichtigsten ideellen und kulturellen Bezugspunkt außerhalb von Finnland. (74) Prof. Dr. Tomi Mäkelä, geb 1964, seit 1996 Professor für Musikwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universtität Magdeburg. 1982 Diplom in Klavierpädagogik am Konservatorium Lahti (Finnland), danach Konzertfachstudium an der Musikhochschule in Wien, 1984 solistisches Klavier-Diplom an der Sibelius-Akademie (extern). Studium der Musikwissenschaften in Wien, Helsinki und Berlin; 1988 Promotion an der TU Berlin. 1990 finnische Habilitation mit einer Buchpublikation über die Konzertante Kammermusik der 1920er-Jahre. Seit 1986 diverse Tätigkeiten an Hochschulen bzw. Wissenschaftsakademien in Helsinki, Turku, Berlin, Essen und Köln. Veröffentlichungen zu Musikgeschichte und -theorie von John Bull bis Magnus Lindberg. Der vorliegende Artikel stammt vom Band "Sibelius und Deutschland. Vorträge des am Finnland-Institut, Berlin, abgehaltenen Symposiums vom 3.-7. März 1998" (Berliner Wissenschafts-Verlag) 2000. 264 S. ISBN 3-87061-818-3. Der vollständige Band ist für 25,- Euro im Buchhandel oder beim Berliner Wissenschaftsverlag / Solon Buch Service, Rheingoldstr. 21, 10318 Berlin, Tel. (030) 50 37 88 07, Fax (030) 50 37 88 08, erhältlich. LiteraturverzeichnisAntony Beaumont (Hrsg.), Ferruccio Busoni. Selected Letters. London 1987. Juliane Brand, Christopher Hailey, Donald Harris (Hrsg.), The Berg-Schoenberg Correspondence. Selected Letters. New York und London 1987. Donald Brook, Composers’ Gallery. London 1946. George Coulter, „An Open Letter To Schönberg and Company“, in: The Musical Mirror 8.5.1928, S. 115. Carl Dahlhaus, Die Musik des 19. Jahrhunderts. Laaber 1980. Karl Ekman, Jean Sibelius. Taiteilijan elämä ja persoonallisuus. Helsinki 1935. Herbert Gerigk, Theophil Stengel (Hrsg.), Lexikon der Juden in der Musik. Berlin 1943. Else von Hase-Koehler (Hrsg.), Max Reger. Briefe eines deutschen Meisters. Ein Lebensbild. Leipzig 1928. James Hepokoski, Sibelius: Symphony No. 5. Cambridge 1993. Theo Hirsbrunner, Igor Strawinsky in Paris. Laaber 1982. Henry-Louis de La Grange, Günther Weiß (Hrsg.), Ein Glück ohne Ruh’. Die Briefe Gustav Mahlers an Alma. Berlin 1995. Santeri Levas, Jean Sibelius. A Personal Portrait. Übersetzung von Percy M. Young. London 1972. Tomi Mäkelä, „Jean Sibelius contra Theodor W. Adorno – ‚Das Prinzip des Stars ist totalitär geworden‘“, in: Finnish Music Quarterly (dt. Sonderheft) 1994, S. 16-19. Tomi Mäkelä, Aarre Merikanto. Das Konzert für Geige, Klarinette, Horn und Streichsextett („Schott-Konzert“) (= Meisterwerke Nordischer Musik, Bd. 2). Wilhelmshaven 1996. Tomi Mäkelä, „Nationalismus und Kontinentalismus – ‚Britizismus‘ und Modernismus. Zur stilistischen und nationalen Orientierung britischer Komponisten nach 1914.“, in: Giselher Schubert (Hrsg.), Französische und deutsche Musik im 20. Jahrhundert. Symposion der Hochschule für Musik Frankfurt und des Paul Hindemith Instituts am 27.-29.11.1997 (Bericht im Erscheinen). Rosa Newmarch, Jean Sibelius. A short story of a long friendship. Boston 1939. Hans-Georg Nicklaus, „Das Erhabene in der Musik oder Von der Unbegrenztheit des Klangs“, in: Christine Pries (Hrsg.), Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Größenwahn. Weinheim 1989, S. 217-232. Josef Rufer, Das Werk Arnold Schönbergs. Kassel u.a. 1959. Erkki Salmenhaara, Tapiola. Helsinki 1970. Jürgen Schaarwächter, Die britische Sinfonie 1914-1945. Köln 1995. Arnold Schönberg, „Analyse der 4 Orchesterlieder op. 22“ [1932], in: ders., Aufsätze zur Musik. Gesammelte Schriften Bd. 1. Hrsg. von Ivan Vojtech. München 1976, S. 286-300. Manuela Schwartz, Horst Weber, Musik in der Emigration 1933-1945. (Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft) Essen (Quellenkatalog im Erscheinen). Erwin Stein (Hrsg.), Arnold Schönbergs Briefe. Mainz 1958. Engl. als Arnold Schoenberg Letters. Berkeley, CA. 1987 [1964]. Hans Heinz Stuckenschmidt, Schönberg. Leben, Umwelt, Werk. München 1989 [1974]. Erik Tawaststjerna, „Über Adornos Sibelius-Kritik“, in: Otto Kolleritsch (Hrsg.), Adorno und die Musik. Graz 1979, S. 112-124. Erik Tawaststjerna, Jean Sibelius Bd. 1-4. Helsinki 1989. Erik Tawaststjerna, Jean Sibelius Bd. 5. Helsinki 1988. Ralph Vaughan Williams, „Sibelius“, in: ders., National Music and Other Essays. Oxford 1986, S. 261-264. Bruno Walter, Gustav Mahler. With a Biographical Essay by Ernst Krenek. Übersetzung von James Galston. New York 1941. ZeitungenBerliner Börsen-Courier (4.2.1914) Berliner Volkszeitung (11.2.1914) Stockholm Dagblad (5.5.1927) Helsingin Sanomat (10.8.1916) (69) Ebd., S. 256. (70) Ebd., S. 259. (71) Ebd., S. 262. (72) Ebd., S. 287f. (73) Vgl. dagegen Schaarwächter (1995), S. 204; der Autor meint, dass die Russisch-Kenntnisse von Rosa Newmarch „Sibelius den Weg in Großbritannien stark ebneten“ (S. 206). Sibelius sprach mit Newmarch in der Regel mühsam Französisch – ausdrücklich kein Deutsch, weil Newmarch diese Sprache aus politisch-biografischen Gründen nicht benutzen wollte. Der Grund für den Irrtum ist, dass Granville Bantock im Vorwort zu Newmarch (1939, S. 8) über seine Begegnung mit Sibelius schreibt: „Knowing that Rosa Newmarch was a fluent Russian linguist and an accomplished translator I sought her aid, happily not in vain.“ Wahrscheinlich hat Newmarch Sibelius’ Deutsch ins Englische übersetzt, Englisch konnte Sibelius nämlich kaum. (74) Diese Haltung war bereits während des Ersten Weltkrieges deutlich erkennbar, aber auch in den 30er- und 40er-Jahren, obwohl Sibelius die primitive Kulturpolitik, den aggressiven Antisemitismus und andere Züge des Nationalsozialismus strikt ablehnte; siehe Tawaststjerna (1988) Bd. 5, S. 353 und 355. Wohl etwas weniger differenziert und ambivalent war die politische Haltung von Frau Aino Sibelius. | |||
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